Du musst funktionieren. Aber wie geht es dir dabei?

Der Wecker hat noch nicht geklingelt. Du liegst im Dunkeln und rechnest. Wie viel bleibt nach der Miete? Wann wird die Versicherung abgebucht? Und wie lange fährt das Auto noch, bevor wieder etwas repariert werden muss?

Du drehst dich auf die andere Seite. In der Wohnung ist es still. Später wirst du sagen, du hättest ganz gut geschlafen.

In der Küche ist es kalt. Während das Wasser heiß wird, leuchtet dein Telefon auf.

„Kannst du heute früher kommen? Wir sind wieder zu wenige.“

Du schaust auf die Uhr. Dann auf die geschlossene Kinderzimmertür. Die Betreuung beginnt erst später. Vielleicht kann die Nachbarin noch einmal helfen. Du schreibst ihr und schämst dich schon beim dritten Wort, weil du sie diese Woche bereits gefragt hast.

Eine zweite Nachricht kommt.

„Wäre wirklich wichtig.“

Du tippst: „Ich versuche es.“

Eigentlich möchtest du schreiben: „Ich weiß nicht, wie.“

Auf dem Weg zur Arbeit leuchtet die Tankanzeige. Du fährst an einer Tankstelle vorbei und überlegst, ob der Rest noch bis morgen reicht. An der roten Ampel denkst du an die Zuzahlung in der Apotheke und den Brief mit der Mieterhöhung. Das Rezept liegt noch zu Hause.

Du ziehst die Schultern hoch. Gleich musst du freundlich sein.

Bei der Arbeit fragst du, ob die zusätzliche Schicht wirklich wieder bei dir landen muss.

„Na, heute empfindlich?“

Jemand lacht. Du lächelst mit. Dann sagst du: „Ist schon gut.“

Es ist ein Satz, den du inzwischen schnell über die Lippen bekommst. Schneller als alles, was du eigentlich sagen möchtest.

Als du später erfährst, du hättest angeblich keine Lust mehr auf deine Arbeit, versuchst du dich zu erklären. Du hast nach einer Pause gefragt. Nach einem freien Wochenende. Jetzt redest du darüber, wie zuverlässig du bist.

Du hörst dir selbst zu und merkst, wie sehr du um deinen Platz fürchtest.

Dabei bleibt Arbeit liegen, sobald du fehlst.

Du beginnst, deine Bitten vorsichtiger zu formulieren. Aus „Ich brauche dieses Wochenende frei“ wird „Falls es irgendwie passt“. Beim nächsten Dienstplan fragst du gar nicht mehr. Deine Wünsche nehmen immer weniger Platz ein.

Du denkst an den kleinen Däumling aus dem alten Märchen. Einen Moment lang wünschst du dir seine Siebenmeilenstiefel. Dann wärst du rechtzeitig bei deinem Kind, könntest nach deiner Mutter sehen und wärst trotzdem wieder da, bevor jemand nach dir fragt.

Du hast nur deine normalen Schuhe an. Die drücken seit dem Mittag.

In der Pause rufst du deine Mutter zurück. Sie hat versucht, Unterstützung für zu Hause zu organisieren. Wieder eine Absage. Du hörst, wie sie Luft holt, bevor sie fragt, ob du am Wochenende kommen kannst.

„Natürlich“, sagst du.

Danach sitzt du noch einen Moment mit dem Telefon in der Hand. Dein Kaffee ist kalt geworden.

Abends fragt jemand, wie dein Tag war.

„Viel los.“

Mehr sagst du nicht. Du weißt nicht, womit du anfangen sollst. Mit der Angst vor dem nächsten Dienstplan? Mit dem Geld? Mit dem Gefühl, überall gebraucht zu werden und trotzdem niemandem zu genügen?

Beim Abendessen stößt dein Kind ein Glas um. Du reagierst zu scharf. Kaum sind die Worte draußen, siehst du sein Gesicht.

Du holst ein Tuch. Wischst über den Tisch. Dann gehst du in die Hocke.

„Das war gerade unfair von mir. Es tut mir leid.“

Dein Kind nickt. Später hält es dir beim Vorlesen das Buch hin und rückt ein Stück zur Seite, damit du näher sitzen kannst.

Für eine Weile bleibst du dort.

Als es schläft, sitzt du wieder in der Küche. Die Briefe liegen noch auf dem Tisch. Du schiebst sie auseinander, suchst einen Stift und legst ihn wieder hin.

Du schämst dich für die Zahlen. Für deine Erschöpfung. Für den Ton beim Abendessen. Und dafür, dass du dir Hilfe wünschst, obwohl du doch weißt, wie viel andere zu tragen haben.

Du öffnest eine Seite, auf der du schon einmal warst. Raum für Seele. Du liest ein paar Zeilen. Dann öffnest du eine Nachricht.

„Guten Abend. Ich weiß gar nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin …“

Du hältst inne. Dein Daumen liegt über der Löschtaste.

Was sollst du erzählen? Dass du arbeitest und trotzdem Angst um deinen Lebensunterhalt hast? Dass du deine Familie liebst und manchmal schon eine weitere Frage kaum erträgst? Dass du ständig „Ist schon gut“ sagst und abends selbst nicht mehr weißt, was du brauchst?

Du liest deinen ersten Satz noch einmal. Diesmal lässt du ihn stehen.

Dann schreibst du weiter:

„Ich habe Angst, dass mir alles zu viel wird. Ich würde gern mit jemandem darüber sprechen.“

Du schickst die Nachricht ab und legst das Telefon auf den Tisch. Deine Hände liegen noch eine Weile daneben.

Du wartest. Dann stehst du auf und machst dir etwas Warmes zu trinken. Als du dich wieder hinsetzt, lässt du das Telefon neben deiner Tasse liegen.

Heute hast du um Hilfe gebeten.