Wenn Zugehörigkeit verloren geht
Manchmal gerät ein Leben ins Wanken, weil der vertraute Platz darin kleiner wird. Eine Aufgabe fällt weg. Verantwortung wird entzogen. Und mit der Zeit bleibt das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.
Der Klient ist Ende fünfzig. Über viele Jahre hat er in einem Unternehmen Verantwortung getragen. Seine Arbeit war ein fester Teil seines Lebens. Nun erlebt er, dass dieser Teil unsicher wird.
Nach einer längeren Zeit im Homeoffice entwickeln sich nach seiner Schilderung depressive Beschwerden. Später folgt eine Krankschreibung. Er berichtet von Mitarbeitergesprächen, einem enger werdenden Aufgabenbereich und einem neuen Vorgesetzten. Ihm wird eine Kündigung nahegelegt. Er fühlt sich unter Druck gesetzt.
Für ihn steht hinter diesen Veränderungen die schmerzliche Frage, ob seine Erfahrung noch zählt. Er erlebt die Situation als altersbedingtes Zurückdrängen. Welche Motive andere Beteiligte haben, lässt sich aus seiner Schilderung nicht beurteilen.
Was in der Schilderung sichtbar wird
Der Klient wird als stark angespannt beschrieben. Seine Gefühle liegen nahe an der Oberfläche; Tränen kommen leicht. Hier steht ein Mensch, der mit dem Verlust von Sicherheit und Zugehörigkeit ringt.
Ein Arbeitsplatz kann mehr sein als ein Einkommen. Er kann dem Tag einen Rhythmus geben, Begegnungen ermöglichen und das Gefühl vermitteln, etwas beitragen zu können. Wird dieser Platz unsicher, kann auch das Vertrauen in sich selbst erschüttert werden.
Diese Fallgeschichte beschreibt die berichtete Belastung. Welche Erkrankung vorliegt, wie die Beschwerden entstanden sind und was medizinisch erforderlich ist, muss fachlich abgeklärt werden. Weitere Symptome oder einen späteren Verlauf kann ich aus den vorliegenden Angaben nicht beschreiben.
Rentenneurose: ein Begriff, der Vorsicht verlangt
Der historisch geprägte Begriff Rentenneurose verbindet Beschwerden mit Fragen nach Verrentung und Absicherung. Er wird auch heute noch in der ICD-10-GM als Einschlussbegriff unter F68.0 geführt. Daraus folgt jedoch keine Diagnose für den hier geschilderten Klienten.
Depressive Beschwerden, Tränen oder der Druck am Arbeitsplatz belegen weder eine solche Störung noch einen Krankheitsgewinn. In der Schilderung ist auch kein Rentenantrag oder gezieltes Rentenbegehren dokumentiert. Eine unbewusste Aufrechterhaltung von Beschwerden darf deshalb nicht einfach unterstellt werden.
Ein Mensch darf nach Schutz und wirtschaftlicher Sicherheit suchen. Für meine seelsorgerische Begleitung ist entscheidend, was ihn belastet und welchen Halt er braucht. Über eine medizinische Diagnose oder einen Rentenanspruch entscheide ich nicht.
Was bedeuten primärer und sekundärer Krankheitsgewinn?
Krankheitsgewinn ist ein Fachbegriff für mögliche entlastende Wirkungen, die mit einer Erkrankung verbunden sein können. Das Wort klingt leicht wie ein Vorwurf. Deshalb braucht es eine sorgfältige Erklärung. Solche Überlegungen sind keine Feststellung über diesen Klienten.
Primärer Krankheitsgewinn
In einem psychoanalytischen Erklärungsmodell ist damit eine innere, meist unbewusste Entlastung gemeint: Symptome können einen schwer auszuhaltenden seelischen Konflikt binden oder Angst vorübergehend mindern. Ob dieser Zusammenhang bei einem Menschen besteht, lässt sich nur im Einzelfall fachlich beurteilen.
Sekundärer Krankheitsgewinn
Hier geht es um äußere Folgen einer Erkrankung, etwa zusätzliche Zuwendung, weniger Anforderungen oder finanzielle Unterstützung. Solche Folgen können den Umgang mit einer Erkrankung beeinflussen. Sie erklären aber weder automatisch ihre Entstehung noch ihre Dauer.
Zuwendung, Entlastung oder eine beantragte Rente sind für sich genommen kein Beleg für vorgetäuschte Beschwerden. Auch bei möglichen entlastenden Folgen kann das Leiden real und behandlungsbedürftig sein. Aus dem Wort Krankheitsgewinn allein lässt sich keine Behandlungsempfehlung ableiten.
Wie seelsorgerische Begleitung Halt geben kann
Als Seelsorger möchte ich Raum geben für das, was eine solche Situation mit einem Menschen macht: für die Kränkung, die Unsicherheit und die Angst vor dem nächsten Schritt. Niemand muss seine Tränen erst erklären, bevor sie da sein dürfen.
Mit Klientinnen und Klienten kann ich behutsam anschauen, was im Alltag noch trägt, welche Unterstützung erreichbar ist und welche Fragen als Nächstes geklärt werden müssen. Ein Gespräch kann helfen, diese Fragen zu ordnen. Es ersetzt keine Untersuchung oder Behandlung.
Bei depressiven Beschwerden gehört die ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung dazu. Seelsorge kann ergänzender Beistand sein. Berufliche und finanzielle Fragen benötigen gegebenenfalls zusätzlich eine fachkundige Beratung.
Auch wenn die berufliche Rolle ins Wanken gerät, bleibt die Würde des Menschen bestehen. An diesem Punkt beginnt für mich Begleitung.
Fachliche Einordnung und Quellen
Die folgenden Quellen dienen der Einordnung der Fachbegriffe und der medizinischen Abklärung. Sie belegen keine Diagnose dieses Falls. Die Fallgeschichte selbst beruht auf der bereitgestellten Schilderung.
BfArM: ICD-10-GM 2026 · F68.0 und der Einschlussbegriff Rentenneurose
Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression · Diagnostik und Monitoring
Deutsche Rentenversicherung: historische und rechtliche Diskussion der sogenannten Rentenneurose