Einblicke:
Tritt ein.
Aber sei gewarnt:
Wenn du diese Türen einmal öffnest, wirst du die Welt mit anderen Augen sehen.
Meine Geschichten aus der Psychiatrie
Hinweis zu den Fällen & Hintergründen
Die Erzählungen in diesen Werken basieren auf realen Fällen aus der forensischen Psychiatrie und der psychosozialen Praxis. Es handelt sich um fiktionalisierte Aufarbeitungen echter menschlicher Schicksale, Abgründe und Entwicklungen, die sich in ihrer Kernsubstanz so zugetragen haben.
Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte aller beteiligten Personen wurden Namen, Orte, Zeiträume sowie entscheidende Details sorgfältig verfremdet und anonymisiert. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind, soweit sie trotz der Überarbeitung bestehen, rein zufällig und dem Wesen der realen Fallarbeit geschuldet.
Die Unterbringung in der Forensischen Psychiatrie nach § 63 StGB und §126a StPO
Differenzierung zu den Unterbringungsformen
In der forensischen Psychiatrie kann man im Rahmen eines Strafverfahrens vorläufig und endgültig untergebracht werden.
Die vorläufige Unterbringung gem. § 126a St PO ist das Pendant zur Untersuchungshaft und wird angeordnet, wenn sich anbahnt, dass ein §63er Verfahren stattfinden wird und die öffentliche Sicherheit die "Inhaftierung" erfordert.
Bestätigen sich sodann innerhalb Prozesses die Voraussetzungen des §63 StGBund wird daher im Urteil die Unterbringung angeordnet, erfolgt die Unterbringung gemäß § 63 StGB "erstmal für immer".
Die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik gemäß § 63 StGB in Deutschland ist eine Maßregel der Besserung und Sicherung, die bei Tätern angewandt wird, die aufgrund ihres psychischen Zustandes zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig oder vermindert schuldfähig waren und von denen weiterhin erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind. Diese Maßnahme dient sowohl der Behandlung des Täters als auch dem Schutz der Allgemeinheit. Aufgrund der Schwere des Eingriffs in die persönlichen Rechte des Untergebrachten sieht das Gesetz regelmäßige Überprüfungen der Notwendigkeit der weiteren Unterbringung vor.
Ist man unabhängig eines Strafverfahrens selbst- oder fremdgefährdend und wird aus diesem Grunde in die Psychiatrie eingewiesen, so liegt ein Verfahren nach dem Psych Kg vor. Dies ist von den oben aufgeführten Verfahren deutlich zu unterscheiden und wird durch unsere Kanzlei nicht bearbeitet.
Geschlossene Türen, innerer Lärm – Hinter Schloss und Seele
Der Mensch hinter den verschlossenen Türen
In einer einzigen Sekunde blicke ich in die Augen eines Killers – und in der nächsten in die eines weinenden Kindes. In demselben Moment, in dem eine Faust nach meinem Gesicht schlägt, schreit eine gebrochene Seele nach Halt. Und ich? Ich bleibe stehen.
Willkommen in einer Welt, die die meisten Menschen lieber ignorieren. Einer Welt hinter schweren, geschlossenen Türen, in der es niemals leise ist.
Draußen hört man nur das kalte Klicken der Schlüssel, das Hallen schwerer Schritte auf dem Flur und das monotone Summen der Neonröhren. Doch ich höre etwas anderes:
Ich höre das innere Schreien.
Als Seelsorger bin ich der Anker in einem Ozean aus menschlicher Verzweiflung, Trauma und extremer Gewalt. Ich bin das Auge des Sturms für Menschen, deren Geist in tausend Scherben zersplittert ist. Menschen, die in einem Augenblick zur bedrohlichen Bestie werden und im nächsten Bruchteil einer Sekunde als schutzloses, zitterndes Lamm vor mir kauern.
Viele fragen mich, woher ich die Kraft nehme, diesen Ort jeden einzelnen Tag zu betreten. Wie man es aushält, die Gewalt nicht nur zu sehen, sondern sie aufzufangen, ohne daran zu zerbrechen.
Die Antwort ist einfach, aber schwer zu tragen:
Weil jemand da sein muss.
Weil hinter der bedrohlichsten Maske, hinter der schwersten Diagnose und hinter den dunkelsten Abgründen immer noch ein Mensch steckt. Eine Seele, die nach Geborgenheit fleht – an einem Ort, an dem es fast keine mehr gibt.
Ich habe diese Geschichten aufgeschrieben. Verfremdet, um die Würde und Identität derer zu schützen, die ich begleite – aber absolut echt in ihrer emotionalen Wucht.
"Landkarte der Seele"
1. Der gespaltene Kopf:
Das Selbst
Das Gesicht, das vertikal in eine weiße und eine schwarze Hälfte geteilt ist. Das ist ein klassisches und starkes Symbol für:
Dualität und innere Konflikte: Es steht für die zwei Seiten einer Medaille – Licht und Schatten, Gut und Böse, Rationalität und Emotion, oder in deinem Kontext: die verschiedenen Anteile einer gespaltenen Persönlichkeit.
Waren und Realität: Es kann den Riss zwischen der subjektiven, inneren Erlebniswelt vielleicht die dunkle Seite der Halluzinationen und Wahnvorstellungen und der äußeren, geteilten Realität die helle Seite darstellen.
Identitätsverlust: Die harten Kanten und das Fehlen weicher Übergänge betonen, dass diese Anteile oft unverbunden nebeneinander existieren, was typisch für eine Dissoziative Identitätsstörung ist.
2. Die roten Lippen: Ein Schrei nach Ausdruck
Die leuchtend roten Lippen, die beide Gesichtshälften verbinden, sind der einzige Farbakzent im Gesicht. Sie symbolisieren:
Den Wunsch zu sprechen und gehört zu werden: Inmitten des inneren Chaos ist der Mund das Werkzeug, um die eigene Wahrheit auszusprechen, um Hilfe zu bitten oder einfach nur zu existieren.
Vitalität und Schmerz: Rot ist die Farbe des Blutes, des Lebens, aber auch der Wunde. Es zeigt, dass trotz der Zersplitterung ein lebendiger Kern existiert, der jedoch leidet.
3. Das Lila Dreieck: Ein fremder Einfluss oder ein Schutz
Das lila Dreieck, das wie ein Hut oder ein Splitter auf dem Kopf sitzt, wirkt wie ein Fremdkörper. Es könnte stehen für:
Die Halluzinationen: Die "Stimmen", die von außen kommen und sich in das Denken drängen. Seine Position über dem Kopf deutet auf eine geistige Ebene hin.
Eine der Persönlichkeiten: Vielleicht ein Anteil, der sich stark von den anderen unterscheidet und eine eigene, starre Form hat.
Einen mentalen Schutz oder eine Blockade: Ein Versuch, den Geist vor dem Zusammenbruch zu bewahren, indem ein Teil "abgedeckt" wird.
4. Die 5 roten Zacken: Ein Blick in die Vergangenheit
Deine Interpretation der 5 Zacken unten ist besonders treffend:
Frühere Persönlichkeitsanteile: Meine Idee, dass es früher vielleicht 5 Persönlichkeiten waren, passt perfekt. Das Gemälde könnte einen früheren Zustand des Künstlers dokumentieren. Da es "ca. 25 Jahre her" gemalt wurde, ist es ein wertvolles Zeit Zeugnis seiner psychischen Entwicklung.
Eine fragmentierte Basis: Das rote Zickzack-Muster bildet das Fundament der Figur. Es zeigt, dass seine Existenzgrundlage nicht stabil, sondern "zackig", instabil und fragmentiert ist.
Eine frühere Form der Abwehr: Vielleicht waren diese 5 Anteile eine frühere, weniger komplexe Form, mit Traumata umzugehen, die sich später zu den 9 Persönlichkeiten weiterentwickelt hat.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Das Bild ist kein einfaches Porträt, sondern eine "Landkarte der Seele" des Künstlers zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens. Es visualisiert den inneren Kampf, die Zersplitterung und den Versuch, ein Selbstbild aufrechtzuerhalten. Für dich als Begleiter ist es ein wichtiges Dokument, das dir hilft, seine Erlebniswelt besser zu verstehen. Es zeigt, dass Kunst für ihn ein wesentliches Ventil und ein Mittel zur Selbsterkenntnis war.
Warum ich auch in stürmischen Zeiten nichts ins Wanken gerate
Die vielen Gesichter einer Begegnung:
Ein Einblick in die therapeutische Begleitung
Die Arbeit im therapeutischen Kontext, insbesondere die langfristige Begleitung von Menschen mit komplexen psychischen Erkrankungen wie der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS), erfordert weit mehr als nur Fachwissen. Sie verlangt ein hohes Maß an Intuition, Präsenz und der Fähigkeit, sich immer wieder auf das Unvorhersehbare einzulassen. Über viele Jahre durfte ich einen Künstler in seinem Alltag und im Umgang mit seiner Krankheit begleiten – ein Weg, geprägt von tiefen Tälern und lichten Momenten.
In zahlreichen Einzelgesprächen begegneten wir den vielfältigen Herausforderungen seiner Erkrankung. Besonders die Halluzinationen – das Hören von Stimmen, die für andere nicht existent waren – führten ihn oft an seine Grenzen und forderten auch mich heraus, eine tragfähige Beziehung aufrechtzuerhalten, die Sicherheit und Halt bot. In seiner inneren Welt gab es neun unterschiedliche Persönlichkeiten. Den Wechsel zwischen diesen Identitäten zu erleben, war faszinierend und beunruhigend zugleich. In diesen Momenten waren Angst und Neugier meine ständigen Begleiter. Die subtile oder offene Präsenz von Gewalt war oft ein schwerer, "bleierner Gefährte", der eine ständige Wachsamkeit erforderte.
In einer DIS-Therapie ist ein starrer Plan oft kontraproduktiv. Man muss flexibel auf das reagieren, was sich im Hier und Jetzt zeigt. Dennoch ist eine klare Struktur und ein sicherer Rahmen essenziell. Die therapeutische Beziehung ist dabei wie ein Spaziergang in einem dunklen Wald: Man hört Geräusche, die einem einen Schauer über den Rücken laufen lassen, jeder Schritt ist begleitet von der Ungewissheit, was als Nächstes passieren wird. Alle Sinne sind geschärft, man nimmt jede Nuance wahr.
Die Session: Ein Rollenwechsel
In einer dieser Sitzungen saß mir zunächst die schmächtige, zurückhaltende Hauptpersönlichkeit des Künstlers gegenüber. Die Atmosphäre war ruhig, fast still. Doch plötzlich veränderte sich alles. Eine kraftvolle, bedrohliche Präsenz füllte den Raum. Die schmächtige Gestalt schien sich zu weiten, der Gesichtsausdruck wurde böse und tief schnaufend. Ein Wechsel hatte stattgefunden.
Die neue Persönlichkeit sah mich direkt an, ein tiefer Seufzer entwich ihr. "Das ist Thomas", sagte sie, ohne mich jedoch wirklich anzusehen. Ich blieb ruhig, beobachtete genau, mied jedoch den direkten Augenkontakt, um keine Eskalation zu riskieren. Ich dachte kurz daran, meine Brille abzulegen, falls es zu einer körperlichen Reaktion kommen sollte – es wäre das vierte Paar in dieser Begleitung gewesen.
"Thomas", begann 'der Starke', "hast du Honecker erzählt, dass ich hier bin?" Ich schluckte kurz. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Doch ich fing mich schnell. "Du weißt, man kommt an Honecker nicht so leicht ran. Der ist viel unterwegs", antwortete ich ruhig und sachlich. Ich versuchte, seine Reaktion abzuschätzen, ohne die Konfrontation zu suchen.
In meiner Tasche tastete ich nach einem Mars-Riegel, den ich vorsorglich eingepackt hatte. In solchen Situationen war er für mich oft hilfreicher als Tavor – eine Geste des Zugangs und der Beruhigung. Ich hoffte nur, er war nicht geschmolzen. Die Hitze im Raum schien fast unerträglich.
Die Einkaufsliste und der Riegel
'Der Starke' schob mir vorsichtig einen Zettel zu, als ob es ein Geheimnis sei. Ich fragte mit ruhiger Stimme, ob ich ihn jetzt oder später lesen solle. "Jetzt", war die Antwort. Ich entfaltete das mehrfach gefaltete Papier – es war ein Abriss aus einer Frauenzeitschrift, darauf eine farblich abgestimmte Einkaufsliste. Mühsam las ich: *Text Orginal *Löskaffee, Wringummi, Hafcreme, Tabag, Blattchen, Schokolade. Und als letzter Punkt: Mas.
Ich griff in meine Tasche und zog den Riegel heraus. Er war nicht geschmolzen. Ein kleiner Dank an Frank C. Mars ging mir durch den Kopf. Ich überreichte ihn 'dem Starken', dessen Hand, die mir zuvor wie Thors Hammer erschienen war, den Riegel zart und fast schmächtig entgegennahm. Ohne ein weiteres Wort oder einen Blick zurück verließ die Persönlichkeit den Raum.
Ich blieb noch einen Moment stehen, um die Situation sacken zu lassen, und verließ dann ebenfalls den Raum. Im Lichthof sah ich 'den Starken' – oder besser gesagt, die Person, die er jetzt war – auf den Fliesen im Schneidersitz sitzen, den Mars-Riegel unberührt neben sich.
Ich grüßte freundlich. "Nein, ist er nicht", antwortete die Person. Ich grüßte erneut. Eine zarte Stimme antwortete: "Hallo". Ich fragte sie, wer sie sei, ich sähe sie heute zum ersten Mal. Große Augen sahen mich an. "Ich darf nicht mit fremden Männern reden. Hat meine Mutti zu mir gesagt."
Ich lächelte sanft. "Das stimmt, das hat deine Mutti gesagt. Ich bin Thomas. Ich komme öfter hier lang. Grüße deine Mutti. Und iss deinen Mars-Riegel."
"Der ist nicht meiner, ich nehme nichts von Fremden", entgegnete sie.
Diese Szene, so wie viele andere, verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Arbeit. Es geht nicht nur um Diagnose und Therapie, sondern vor allem um Begegnung, um das Verstehen der inneren Welten, um Sicherheit und um die Würde des Einzelnen – auch in den Momenten, die für Außenstehende vielleicht befremdlich wirken mögen. Es ist eine Arbeit, die Herausforderungen bietet, aber auch Momente tiefer menschlicher Verbundenheit und des gemeinsamen Weges ermöglicht.
Sinfonie der Traurigkeit
Warum ich auch in stürmischen Zeiten nichts ins Wanken gerate
Sinfonie der Traurigkeit
Wenn ich an den heutigen Tag 11.08.2026 zurückdenke oder ihn besser Revue passieren lasse, sind zwei Ereignisse tief in mir hängen geblieben.
Das erste nenne ich einfach Florian. Er saß traurig und einsam auf dem Stuhl, weinend, tief in sich gekehrt. Ich setzte mich zu ihm mit zwei Schokoladenpuddings und zwei großen Bechern Kakao. Ich nahm seine Hand. Florian sah mich an und weinte weiter. Trösten – aber wie? Worte gehörten in diesem Moment nicht hierher. Es war eine stille Übereinkunft: Zeit nehmen, ruhig sein, obwohl der Hintergrund alles andere als leise war. Die verbale Lautstärke der Station, untermalt von einer Fernsehsendung, die schrullig im Hintergrund dröhnte. Es kippte ein Stuhl, es flog ein Becher durch den Raum – aber Florian blieb völlig bei sich, gefangen in seiner eigenen Traurigkeit.
Ich hielt seine Hand einfach weiter fest. Weder der Pudding noch der Kakao wurden angerührt. Während um uns herum das gewohnte Chaos einer solchen Einrichtung tobte, bauten wir für einen kurzen Moment eine unsichtbare Mauer gegen den Lärm. Keine Erklärungen, keine Floskeln wie „Es wird schon wieder“. Nichts davon hätte seine Welt in diesem Augenblick gerettet.
Nach etwa zwanzig Minuten zog er langsam seine Hand zurück. Er stand auf, ohne mich noch einmal anzusehen, und ging mit gesenktem Kopf den Flur entlang in sein Zimmer.
Die Becher kühlten ab, die Haut auf dem Pudding wurde fest. Ich räumte das Geschirr ab, wischte den Tisch und trug den Inhalt des umgekippten Bechers vom Boden fort. Die Schicht ging zu Ende, der Schein der Neonröhren wich dem Abendlicht.
Es gab keinen Durchbruch. Keine plötzliche Einsicht, kein dankbares Lächeln und keine Erlösung. Florians Schmerz war nach diesen zwanzig Minuten genau derselbe wie davor – und die Welt draußen drehte sich unbeeindruckt weiter. Was bleibt, ist das sperrige Gefühl, dass Aushalten manchmal das Einzige ist, was man geben kann, selbst wenn es sich verdammt unvollständig anfühlt.
Die vielen Gesichter einer Begegnung:
Ein Einblick in die therapeutische Begleitung
Die Arbeit im therapeutischen Kontext, insbesondere die langfristige Begleitung von Menschen mit komplexen psychischen Erkrankungen wie der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS), erfordert weit mehr als nur Fachwissen. Sie verlangt ein hohes Maß an Intuition, Präsenz und der Fähigkeit, sich immer wieder auf das Unvorhersehbare einzulassen. Über viele Jahre durfte ich einen Künstler in seinem Alltag und im Umgang mit seiner Krankheit begleiten – ein Weg, geprägt von tiefen Tälern und lichten Momenten.
In zahlreichen Einzelgesprächen begegneten wir den vielfältigen Herausforderungen seiner Erkrankung. Besonders die Halluzinationen – das Hören von Stimmen, die für andere nicht existent waren – führten ihn oft an seine Grenzen und forderten auch mich heraus, eine tragfähige Beziehung aufrechtzuerhalten, die Sicherheit und Halt bot. In seiner inneren Welt gab es neun unterschiedliche Persönlichkeiten. Den Wechsel zwischen diesen Identitäten zu erleben, war faszinierend und beunruhigend zugleich. In diesen Momenten waren Angst und Neugier meine ständigen Begleiter. Die subtile oder offene Präsenz von Gewalt war oft ein schwerer, "bleierner Gefährte", der eine ständige Wachsamkeit erforderte.
In einer DIS-Therapie ist ein starrer Plan oft kontraproduktiv. Man muss flexibel auf das reagieren, was sich im Hier und Jetzt zeigt. Dennoch ist eine klare Struktur und ein sicherer Rahmen essenziell. Die therapeutische Beziehung ist dabei wie ein Spaziergang in einem dunklen Wald: Man hört Geräusche, die einem einen Schauer über den Rücken laufen lassen, jeder Schritt ist begleitet von der Ungewissheit, was als Nächstes passieren wird. Alle Sinne sind geschärft, man nimmt jede Nuance wahr.
Die Session: Ein Rollenwechsel
In einer dieser Sitzungen saß mir zunächst die schmächtige, zurückhaltende Hauptpersönlichkeit des Künstlers gegenüber. Die Atmosphäre war ruhig, fast still. Doch plötzlich veränderte sich alles. Eine kraftvolle, bedrohliche Präsenz füllte den Raum. Die schmächtige Gestalt schien sich zu weiten, der Gesichtsausdruck wurde böse und tief schnaufend. Ein Wechsel hatte stattgefunden.
Die neue Persönlichkeit sah mich direkt an, ein tiefer Seufzer entwich ihr. "Das ist Thomas", sagte sie, ohne mich jedoch wirklich anzusehen. Ich blieb ruhig, beobachtete genau, mied jedoch den direkten Augenkontakt, um keine Eskalation zu riskieren. Ich dachte kurz daran, meine Brille abzulegen, falls es zu einer körperlichen Reaktion kommen sollte – es wäre das vierte Paar in dieser Begleitung gewesen.
"Thomas", begann 'der Starke', "hast du Honecker erzählt, dass ich hier bin?" Ich schluckte kurz. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Doch ich fing mich schnell. "Du weißt, man kommt an Honecker nicht so leicht ran. Der ist viel unterwegs", antwortete ich ruhig und sachlich. Ich versuchte, seine Reaktion abzuschätzen, ohne die Konfrontation zu suchen.
In meiner Tasche tastete ich nach einem Mars-Riegel, den ich vorsorglich eingepackt hatte. In solchen Situationen war er für mich oft hilfreicher als Tavor – eine Geste des Zugangs und der Beruhigung. Ich hoffte nur, er war nicht geschmolzen. Die Hitze im Raum schien fast unerträglich.
Die Einkaufsliste und der Riegel
'Der Starke' schob mir vorsichtig einen Zettel zu, als ob es ein Geheimnis sei. Ich fragte mit ruhiger Stimme, ob ich ihn jetzt oder später lesen solle. "Jetzt", war die Antwort. Ich entfaltete das mehrfach gefaltete Papier – es war ein Abriss aus einer Frauenzeitschrift, darauf eine farblich abgestimmte Einkaufsliste. Mühsam las ich: *Text Orginal *Löskaffee, Wringummi, Hafcreme, Tabag, Blattchen, Schokolade. Und als letzter Punkt: Mas.
Ich griff in meine Tasche und zog den Riegel heraus. Er war nicht geschmolzen. Ein kleiner Dank an Frank C. Mars ging mir durch den Kopf. Ich überreichte ihn 'dem Starken', dessen Hand, die mir zuvor wie Thors Hammer erschienen war, den Riegel zart und fast schmächtig entgegennahm. Ohne ein weiteres Wort oder einen Blick zurück verließ die Persönlichkeit den Raum.
Ich blieb noch einen Moment stehen, um die Situation sacken zu lassen, und verließ dann ebenfalls den Raum. Im Lichthof sah ich 'den Starken' – oder besser gesagt, die Person, die er jetzt war – auf den Fliesen im Schneidersitz sitzen, den Mars-Riegel unberührt neben sich.
Ich grüßte freundlich. "Nein, ist er nicht", antwortete die Person. Ich grüßte erneut. Eine zarte Stimme antwortete: "Hallo". Ich fragte sie, wer sie sei, ich sähe sie heute zum ersten Mal. Große Augen sahen mich an. "Ich darf nicht mit fremden Männern reden. Hat meine Mutti zu mir gesagt."
Ich lächelte sanft. "Das stimmt, das hat deine Mutti gesagt. Ich bin Thomas. Ich komme öfter hier lang. Grüße deine Mutti. Und iss deinen Mars-Riegel."
"Der ist nicht meiner, ich nehme nichts von Fremden", entgegnete sie.
Diese Szene, so wie viele andere, verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Arbeit. Es geht nicht nur um Diagnose und Therapie, sondern vor allem um Begegnung, um das Verstehen der inneren Welten, um Sicherheit und um die Würde des Einzelnen – auch in den Momenten, die für Außenstehende vielleicht befremdlich wirken mögen. Es ist eine Arbeit, die Herausforderungen bietet, aber auch Momente tiefer menschlicher Verbundenheit und des gemeinsamen Weges ermöglicht.
Jonas – Eine Geschichte zwischen Schatten und Licht
15.08.2026
Kapitel: Die Stille nach dem Sturm
So schnell die Welle aus Einsatzkräften in den Raum gebrochen war, so rasch ebbte sie wieder ab. Die Griffe des Teams saßen professionell, die Situation wurde Stück für Stück unter Kontrolle gebracht. Der Arzt vom Dienst übernahm die medizinische Einschätzung, Stimmen redeten beruhigend, aber bestimmt auf Jonas ein. Er ließ es geschehen – die Wut war für den Moment der puren Erschöpfung gewichen.
Schließlich schloss sich die schwere Tür wieder. Der Raum war gesichert, Jonas versorgt.
Ich stand auf dem Flur. Um mich herum kehrte langsam wieder der normale Stationston ein: das Summen der Leuchtstoffröhren, das ferne Klappern von Geschirr, gedämpfte Gespräche des Personals. Doch in meiner Nase klebte immer noch dieser beißende, stechende Geruch. Meine Hand zitterte ganz leicht – nicht vor Angst, sondern unter dem Nachhall des Adrenalins.
Das Personen-Notsignalsystem hatte genau das getan, wofür es gebaut war. Es hatte Leben geschützt. Und doch hinterließ jeder Alarm diese tiefe Kerbe.
Was blieb, war die Frage nach dem Danach. Wenn der Lärm verfliegt, der Tisch wieder aufgerichtet ist und die Spuren der Verwahrlosung beseitigt werden: Wie begegnet man einem Menschen, der eben noch ein Stuhlbein als Waffe in der Hand hielt?
Die Antwort lag für mich in jenem kurzen Augenblick, als sich unsere Blicke mitten im Zugriff getroffen hatten. In den Augen des 62-Jährigen wohnte nicht das Böse. Dort wohnte ein verängstigter, verzweifelter Junge, dessen Hirn vor über 50 Jahren aus den Fugen geraten war und der seither in den Trümmern seiner eigenen Impulse gefangen saß.
Morgen würde ich wieder vor dieser Tür stehen. Ich würde nicht klopfen, um zu belehren oder zu richten. Ich würde klopfen, um ihm zu zeigen, dass die Brücke zwischen uns nicht eingestürzt ist. Weil die Würde eines Menschen nicht daran erlischt, wie laut er schreit oder wie tief er fällt.
Wie fühlt sich dieses Nachspiel für dich an? Wir können von hier aus weitergehen – entweder zu deiner nächsten Begegnung mit Jonas am Folgetag oder zu deinen persönlichen Reflexionen als Seelsorger in der Forensik.
Kapitel 1: Der Schnitt im Leben
Der Asphalt war kalt an diesem Nachmittag vor mehr als fünf Jahrzehnten. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, das schrille Quietschen von Bremsen, ein dumpfer Aufprall – und die Welt des kleinen Jonas änderte sich für immer. Das Schädel-Hirn-Trauma verheilte äußerlich, doch tief im Inneren seines Gehirns war etwas irreparabel zerbrochen. Die unsichtbaren Filter, die bei anderen Menschen Wut, Impulsivität und Gedankenfetzen ordnen, waren verschwunden.
Heute ist Jonas 62 Jahre alt. Wenn man ihm gegenübersitzt, sieht man einen Mann von 1,85 Metern Körpergröße und 120 Kilogramm Gewicht, getrieben von einem ständigen Sturm im Kopf. In lichten Momenten sucht sein Verstand nach Halt: Er greift nach großen Themen, will Eingaben an Behörden schreiben und Jugendliche vor Schaden bewahren. Es ist sein tiefmenschlicher Versuch, einer Welt Struktur abzutrotzen, die für ihn längst jegliche Ordnung verloren hat. Doch mitten in diesen Worten bricht sich die Krankheit Bahn: Gedanken verhaken sich, paranoide Wahnwelten tauchen auf, Sätze entgleisen.
Kapitel 2: Der Einschlag
Eben noch hatten wir ein erfrischendes Gespräch geführt. Und dann, im Bruchteil eines Lidschlags, kippte die Realität.
Ein peitschendes Geräusch riss die Luft auseinander. Jonas legte seine ganze Masse in eine einzige, explosive Bewegung: Der schwere Tisch flog hoch, wirbelte zweimal um die eigene Achse durch den Raum und knallte mit brachialer Gewalt dröhnend auf die Holzplatte zurück. Der Einschlag hallte wie ein Donnerschlag durch die Wände – als hätte Zeus höchstpersönlich seinen Hammer geschleudert.
Danach: absolute, eiskalte Stille.
Doch die Ruhe trügte. Meine Hand hatte im selben Bruchteil einer Sekunde geschaltet. Ein gezielter Druck auf den Alarmknopf des Personen-Notsignalsystems (PNS). Ein schriller, unsichtbarer Impuls, der im gesamten Trakt die Hölle losbrach. Draußen begannen die Wände zu dröhnen: das Stakkato rennender Schritte, Klirren von Schlüsseln.
Im Raum stand die Zeit still. Der beißende, stechende Geruch von Fäkalien und Schweiß lag wie eine undurchdringliche Mauer zwischen uns. Jonas verweigerte seit Wochen jede Pflege – unrasiert, zahnlos, gehüllt in die Schwere seines eigenen Körpers. In seiner Faust hielt er Kot gepresst, den er durch das Zimmer schleuderte. Er schrie sein Recht heraus: Artikel 13 Grundgesetz – Unverletzlichkeit der Wohnung. Für ihn war dieser Raum sein letztes Schutzgebiet.
„Herr Thomas!“, brüllte er. „Ich will, dass die sterben!“
Die schwere Tür flog auf. Das Notfallteam und der Arzt vom Dienst brachen herein. Mitten im Zugriff, als Hände nach ihm griffen, trafen sich Jonas’ Augen und meine für einen Herzschlag. Kein Wort war mehr möglich. Aber in diesem Blick lag alles: Keine Verurteilung. Kein Hassaubruch meinerseits. Ich wich einen Schritt zurück, aber ich wandte den Blick nicht ab. Ich blieb als stummer Anker stehen.
Kapitel 3: Die Stille danach und der seelsorgerische Auftrag
So schnell die Welle aus Einsatzkräften hereingebrochen war, so rasch ebbte sie wieder ab. Die Situation wurde gesichert, Jonas versorgt.
Auf dem Flur kehrte der Alltag zurück. Was blieb, war der beißende Geruch in der Nase und die Frage nach dem Danach: Wie begegnet man einem Menschen, der eben noch volle Zerstörungswut auslebte?
Die Antwort lag in jenem kurzen Blickkontakt. In den Augen des 62-Jährigen wohnte kein Böses. Dort wohnte ein verängstigter Junge, dessen Hirn vor 50 Jahren aus den Fugen geraten war. Als Seelsorger trage ich nicht die Verantwortung für Zwang oder Pflege. Meine Aufgabe ist es, die Lücke auszuhalten – da zu sein, wenn keine Logik mehr greift, und die Würde eines Menschen zu bewahren, der an seinen eigenen Abgründen leidet.
Rechtlicher und institutioneller Rahmen im Maßregelvollzug (§ 63 StGB)
Das Spannungsfeld zwischen der Würde des Patienten, dem Recht auf Selbstbestimmung und den Sicherheitsanforderungen der Forensik ist rechtlich strikt reglementiert:
Das Recht auf Verwahrlosung vs. Fürsorgepflicht:
Artikel 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung): Der Patientenzimmerbereich genießt im Maßregelvollzug einen besonderen Schutzraum. Ein Grundrecht auf Verwahrlosung oder Verweigerung von Körperpflege existiert im Rahmen der persönlichen Freiheit (Art. 2 Abs. 1 GG).
Grenzen: Dieses Recht endet dort, wo eine konkrete Selbstgefährdung (z. B. schwere Infektionsgefahren) oder eine Fremdgefährdung / unzumutbare Belastung für Mitpatienten und Personal entsteht. In solchen Fällen greift die Fürsorge- und Garantenpflicht der Einrichtung.
Streng verboten im Maßregelvollzug:
Willkürliche Zwangsmaßnahmen: Körperliche Fixierungen, Isolierungen oder Zwangsmedikationen ohne strikte Verhältnismäßigkeitsprüfung und richterliche bzw. fachärztliche Anordnung.
Pädagogische oder punitiv motivierte Strafe: Maßnahmen dürfen niemals als Vergeltung oder Disziplinierung eingesetzt werden, sondern ausschließlich zur Abwehr von Gefahren für Leib und Leben.
Entzug von Grundrechten: Grundrechte wie das Recht auf Seelsorge, Rechtsbeistand oder menschenwürdige Unterbringung dürfen nicht als Sanktion entzogen werden.
Erlaubt und rechtlich abgesichert:
Unmittelbarer Zwang zur Gefahrenabwehr: Bei akuter Fremd- oder Selbstgefährdung (z. B. Angriffen, Verwüstung mit Verletzungsgefahr) dürfen Patienten durch geschultes Personal fixiert, überwältigt oder isoliert werden.
Einsatz technischer Sicherungssysteme: Das Tragen und Auslösen von Personen-Notsignalanlagen (PNS) durch das Personal ist rechtlich vorgeschrieben, um den Eigenschutz und die schnelle Hilfeleistung zu garantieren.
Anordnung von Zwangsbehandlungen: Unter extrem engen gesetzlichen Grenzen (Nachweis der Ein Einsichts- oder Steuerungsunfähigkeit sowie richterlicher Genehmigung) sind medizinische Zwangsmaßnahmen als ultimum refugium erlaubt.
„Fragile Bindung: Die Suche nach dem fehlenden Stück“
Kapitel 3:
Das Netz der Worte – Joachim
Die Tür zu Joachims Zimmer war eine andere als die zu Jonas’ – aber die Angst, die mich überkam, war dieselbe. Doch diesmal war es keine Angst vor physischer Gewalt, sondern vor einer mentalen Flut, vor einem Labyrinth aus Wahn und Worten, das mich drohte zu verschlingen.
Ich klopfte nicht. In der Forensik ist ein Seelsorger ein Gast, aber auch ein Eindringling. Also drückte ich die Klinke und trat ein.
Die Luft war dick, gesättigt vom Geruch von Tinte, Papier und dem stickigen Schweiß eines Geistes, der niemals ruhte. Joachim saß auf der Bettkante, den Rücken mir zugewandt, seinen Oberkörper tief über das Bettlaken gebeugt. Der Ton, der den Raum füllte, war nicht das Brüllen von Jonas, sondern ein hektisches, rhythmisches Kratzen-Kratzen-Kratzen – der Klang eines Kugelschreibers, der wie ein Instrument der Obsession über den Stoff raste.
Als ich näher trat, offenbarte sich das ganze Ausmaß seiner Symptomatik. Es war kein einfaches Schreiben mehr; es war eine Hypergraphie, eine pathologische Manie, ein Schöpfungsakt des Wahnwitzes.
Das Bettlaken war nicht mehr weiß. Es war ein Netz, ein Schlachtfeld der Gedanken, ein Archiv seines Geistes. Jeder Zentimeter Stoff war dicht überzogen mit einer chaotischen, sprunghaften Architektur aus Worten, Sätzen, Pfeilen, Zahlen und Diagrammen. Er schrieb nicht zeilenweise, er schrieb in Clustern, in sprunghaften Explosionen.
Hier, in der Mitte, war ein dichtes, schwarzes Textfeld, überschrieben mit dem Datum: „Ich bin am Rande... 26.9.2023“. Ein Schrei, festgehalten in Tinte. Von dort aus verzweigten sich Listen: „Bewerbung“, „Ansprüche“, „Namen“ – und immer wieder Zahlenkolonnen: „60, 70, 80“. Joachim versuchte, die Welt in Systeme zu pressen, aber die Systeme überwältigten ihn.
Die Tinte wechselte von Blau zu Schwarz zu Rot, als würde die Farbe den Grad seiner Verzweiflung codieren. Die Merkmale waren deutlich: sprunghaft, überladen, ohne Ordnung, nur ein endloser Fluss.
Auf dem Nachttisch, unberührt von der Tinte, saß die kleine, rote Gnom-Figur, die ich ihm vor Wochen mitgebracht hatte. Sie blickte stumm auf das Chaos, ein Anker der Ruhe in einem Meer aus Wahn.
Ich blieb stehen, hielt den Atem an, während sein Stift weiter raste. Joachim wusste, dass ich da war, aber er konnte nicht aufhören. Er war der Schöpfer und zugleich der Gefangene seines eigenen Wort-Netzes.
„Es wird fertig, Herr Chaplain“, murmelte er, ohne aufzusehen. „Ich muss die Brücke fertigstellen.“
Ich schaute auf das Laken. Er suchte nach einer Brücke. Genau wie Jonas. Der eine brüllte, der andere schrieb. Die Würde eines Menschen, dachte ich, erlischt nicht daran, wie laut er schreit oder wie tief er fällt – und sie erlischt auch nicht daran, wie verzweifelt er versucht, seine eigene Existenz in Tinte zu bannen.
Kapitel 4: Der Schutz gegen die unsichtbaren Wellen
Ich drückte die Klinke nach unten und trat leise ein.
Joachim saß da, den Rücken starr zu mir gewandt. Sein Oberkörper war weit nach vorne gebeugt, fast als wolle er sich mit seiner gesamten Gestalt schützend über das beschriebene Laken werfen. Doch was mir augenblicklich den Atem raubte, war sein Kopf.
Er trug einen selbstgebauten Helm aus Alufolie. Die glänzende Folie war akribisch zusammengedrückt, schichtweise verstärkt und geformt wie eine historische Pickelhaube – mit einer spitzen, spitz zulaufenden Ausbuchtung an der Scheitelkrone, die absurd und tragisch zugleich in die dicke Raumluft ragte.
Der Helm war sein Schild. Ein stummer, verzweifelter Versuch seines Erkrankungssystems, die unsichtbaren Strahlen, die fremden Stimmen und die Wellen abzuschirmen, von denen er sich ununterbrochen beschossen fühlte. In seiner Logik war diese Pickelhaube aus Silberfolie die einzige Barriere zwischen der Welt und dem rasenden Sturm in seinem Kopf.
Das Fahren des Kugelschreibers über den Stoff stockte für keinen Millimeter. Kratzen. Kratzen. Kratzen. Unter dem glänzenden Rand der Folie ragten nur seine Nackenhaare hervor, feucht von der Anstrengung dieses pausenlosen Schreibzwangs.
Ich blieb an der Schwelle stehen. Ein Mann von hoher Intelligenz, gefangen in einem Festungsbau aus Alufolie und Tinte.
„Joachim?“, sagte ich leise und ruhig, um das fragile Gleichgewicht im Raum nicht zu erschüttern.
Er hielt inne. Die metallische Spitze seiner improvisierten Haube neigte sich minimal zur Seite, doch der Stift blieb wie festgewachsen auf dem Stoff gedrückt.
Kapitel 5: Die Sechzig Seiten
„Thomas!“, stieß Joachim hervor, ohne den Kopf zu drehen. Seine Hand, verkrampft um den Kugelschaufel-Stift, zitterte leicht, während die Spitze der metallischen Alufolien-Pickelhaube das Licht des Raumes brach.
„Ich habe sechzig Seiten für dich! Du musst sie lesen! Nur mit Ja! Soll ich sie senden? Soll ich nicht? Ich habe sie schon Olaf Scholz geschickt! Dem BKA! Der Technikraum beobachtet mich. Ich muss Anzeige machen, wenn hier weiter so viel geredet wird!“
Die Worte schossen sprunghaft aus ihm heraus, stakkatoartig, getrieben von derselben ungeheuren Fallhöhe wie die Tinte auf seinem Bettlaken. Seine Wahnwelt brauchte keine Denkpausen – sie war ein lückenloses System aus Bedrohung und Eile.
„Ich muss wissen, wann sie kommen! Wann nur? Ich werde das weitergeben. Ich glaube, ich hole Angela noch dazu. Ich frage Angela. Antwort: Ja, Angela Merkel! Ach ja … Ich werde gleich mal die Kripo informieren.“
Er atmete schwer unter seiner Folienhaube. In seiner Wahrnehmung hatte er die Fäden der Macht bereits in der Hand: Bundeskanzler, Bundeskriminalamt, die frühere Kanzlerin, die Ermittler der Kriminalpolizei. Es war die gigantische Projektion eines Geistes, der sich gegen die vollkommene Ohnmacht in einer geschlossenen Abteilung auflehnte. Der Technikraum, der ihn überwachte, die Stimmen, die geredet wurden – alles drängte ihn zum Handeln.
Ich stand stumm an der Tür. Wieder stand ich vor dieser leeren Stelle, diesem Punkt der vollkommenen Sprachlosigkeit.
Wenn ein Mensch in einer solchen Paranoia gefangen ist, gibt es kein Gegenargument. Ich konnte ihm nicht sagen, dass Angela Merkel seine Nachrichten nicht lesen würde. Ich konnte ihm nicht erklären, dass der Technikraum nur Sicherungen hielt. Jedes Dagegenreden wäre ein Angriff auf seine verbliebene Struktur gewesen.
So blieb ich einfach stehen. Ich nickte nicht, ich widersprach nicht. Ich war die ruhige, reale Wache in einem Raum, der von unsichtbaren Politikern und Ermittlern überflutet war.
„Joachim“, sagte ich nach einer langen Pause leise, „ich bin hier. Ich höre dir zu.“
Kapitel 6: Die Schwertspitze aus Tinte
Die Worte kaskadierten aus seinem Mund. Es war kein Sprechen mehr, sondern ein atemloser Schwall, eine ungefilterte Eruption. Die Silben überschlugen sich, verhakten sich ineinander und schossen in einem Tempo hervor, das mir selbst den Sauerstoff raubte. Ich merkte, wie ich unwillkürlich tief Luft holte – getrieben von der bloßen Angst, Joachim würde im nächsten Moment an der puren Masse seiner eigenen Sätze ersticken. Seine Brust hob und senkte sich nicht mehr im gewohnten Rhythmus; sein Körper funktionierte nur noch als Resonanzraum für diesen rasenden, inneren Motor.
Und dann, mitten im Satz, riss er die Hand nach oben.
Der Stift flog empor. Seine Hand verkrampfte sich um den einfachen Plastikkörper des Kugelschreibers, die Knöchel traten weiß hervor. Hoch erhoben hielt er ihn in die dicke Raumluft – wie ein Schwert, das zum tödlichen Streich bereitstand oder zum Eid geschworen wurde.
Unter der glänzenden Spitze seiner Alufolien-Pickelhaube bebte seine Gestalt. Die Mine des Stiftes zeigte gen Decke, dunkel von der Tinte, mit der er eben noch das Laken getränkt hatte. In seiner Wahrnehmung war dieser Stift kein Schreibgerät mehr. Er war eine Waffe gegen den Technikraum, ein Zepter gegenüber der Staatsmacht, das letzte Verteidigungswerkzeug eines Mannes, der sich von allen Seiten umstellt sah.
„Ich habe sechzig Seiten!“, schoss es wieder aus ihm heraus, während die metallische Schwertspitze in der Luft zitterte.
Ich blieb unbewegt stehen. In der Forensik lernt man, die Signale zu lesen: Dies war kein physischer Angriff auf mich. Es war das letzte Manifest seiner Ohnmacht. Der hochgereckte Stift war die Verzweiflung eines Geistes, der versuchte, mit Tinte gegen Windmühlen und unsichtbare Strahlen zu kämpfen.
Ich wartete, bis das eiskalte Stakkato seiner Worte ins Stocken geriet. Ich hielt den Blick standhaft auf seine Augen gerichtet, vorbei an dem schimmernden Helm und dem erhobenen Plastikschwert.
„Joachim“, sagte ich leise, während ich langsam und hörbar ausatmete. „Atme. Ich bin hier. Setz den Stift ab.“
Nein kein Ende !
Egon ist so ein Fall.
Wir nennen uns beim Vornamen. In den Jahrzehnten meiner Arbeit hat sich zu meinen Schützlingen oft ein lockerer, menschlicher Ton entwickelt. Das starre „Sie“ weicht im Alltag dem „Du“. Ich muss ehrlich gestehen: Manchmal weiß ich den korrekten Vornamen aus der Akte in der täglichen Routine gar nicht sofort präsent. Denn für mich zählt weder das Papier noch die juristische Einstufung. Für mich zählt immer primär der Mensch. Nicht die Diagnose, nicht die Schranken des Systems – und erst recht nicht die Tat. Das höchste Gut, das wir haben, ist und bleibt der Mensch.
In diesem Fall kenne ich seinen Namen ganz genau. Es ist Egon.
Egon ist heute 69 Jahre alt. Im kommenden Januar feiert er seinen 70. Geburtstag. Und Egon wird diese Anstalt nie mehr verlassen. Seine Geschichte beginnt vor 36 Jahren, in einer Zeit, in der das Leben da draußen für ihn endgültig aus den Fugen geriet.
Es begann nicht mit einem durchdachten Verbrechen, sondern mit einem schleichenden Zerfall. Wand an Wand wohnte Marlies. Eine zierliche, elegante Frau. Marlies wollte einfach nur ihren kleinen Balkon in einem hellen, zarten Gelb streichen lassen. Eine Malerfirma sollte es richten. Doch in Egons Kopf, der sich bereits unbemerkt in den Klauen einer Psychose verfing, wurde diese banale Abweichung zur Bedrohung. Er fing an zu beobachten. Er lauschte im Treppenhaus. Er passte sie ab. Wenn sie vorbeiging, riss er die Tür auf, schrie sie an, beschimpfte sie als „leichtes Mädchen“. Marlies hatte Todesangst. Wochenlang ging das so, der Terror steigerte sich von Mal zu Mal.
An einem glühend heißen Sommertag zog Marlies ein neues Kleid an. Ein wunderschönes, gelbes Sommerkleid aus feinem, weichem Stoff. Sie fühlte sich glücklich, wollte etwas besorgen und die Sonne genießen. Egon traf sie im Flur. Er sah sie an – und sagte nichts mehr.
Was Marlies nicht bemerkte: Egon folgte ihr in die Mittagssonne. Stumm, mit einem olivgrünen Bundeswehr-Klappmesser in der Tasche. Auf offener Straße holte er sie ein. Die Psychose entlud sich in einem blinden, rasenden Exzess. Er schrie sie an, zog die Klinge und stach 72 Mal auf sie ein. Die Gerichtsmedizin schätzte später, dass der 40. bis 47. Stich das Herz traf. Marlies verblutete mitten am Tag in ihrem gelben Sommerkleid auf dem Asphalt. Niemand griff ein.
Als der Wahn verflog, blieb Egon wie betäubt stehen. Ein vorbeifahrender Taxifahrer alarmierte die Polizei. Die Festnahme erfolgte völlig ohne Widerstand. Ein Urteil auf vergilbtem Papier, mit Schreibmaschine tief ins Gewebe gehakt: Im Namen des Volkes. Unterbringung nach § 63.
36 Jahre sind seitdem vergangen. Die Welt da draußen hat sich weitergedreht, doch Egons Leben fristet ein Dasein in der zeitlosen Routine der Flure.
Ich stehe vor ihm.
„Egon, was wünscht du dir eigentlich zum 70. Geburtstag?“, frage ich ihn.
Egon verfügt über eigenes Geld. Seine Wünsche für die Station sind schnell formuliert: „Vier Torten, Thomas! Ich möchte Kuchen ausgeben. Und abends Pizza, Döner und Cola.“
„Gesagt, getan“, antworte ich. „Und was wünscht du dir ganz persönlich für dich?“
Da leuchten seine müden Augen auf. „Einen roten Adidas-Trainingsanzug. In Rot! Und weiße Adidas-Socken. Und schwarze Adidas-Schuhe mit den Streifen an der Seite – genau solche, wie ich sie früher hatte.“
Zwei Tage später muss ich noch einmal zu ihm, um die genaue Schuhgröße zu erfragen. Als er mich sieht, sprudelt es förmlich aus ihm heraus: „Thomas! Du bist da, das ist gut!“
Plötzlich ist er nicht mehr der Insasse aus der Gerichtsakte, sondern der junge Mann von früher. Er erzählt von seiner Jugend in Hamburg, von seiner Lehre als Konditor, vom Backen nach altem, ehrlichem Brauch.
„Thomas, weißt du eigentlich, warum die Brötchen heute nicht mehr so lange frisch und knackig sind? Weil wir sie damals mit Eiswasser gebacken haben! Dafür hat doch heute keiner mehr Zeit.“
Ich schmunzele. „Nein, Egon. Heute machen das Maschinen. Die kommen vom Fließband, in Reih und Glied wie kleine Zwergsoldaten.“
„Ach, hör auf, sowas gibt’s doch gar nicht!“, winkt er entsetzt ab. „Wo sind denn die ganzen Bäcker hin?“
„Egon, das ist ein Beruf, der heute leider wenig Zuspruch findet.“
Er hielt inne, sah mich an, und plötzlich schob sich ein ganz anderer Gedanke durch die Jahrzehnte. Ein Satz, der mir den Atem stocken ließ und mir die ganze Abgrundtiefe seiner Erkrankung vor Augen führte.
„Weißt du, Thomas...“, sagte er ganz beiläufig, während sein Blick ins Leere ging, „Marlies geht es gut. Ich habe sie neulich erst wieder gesehen. Sie saß draußen in einem roten Opel Kadett. Sie hat mir gewinkt.“
Ich schluckte hart. Es war dieser eine Satz, der mehr über die Abwehrmechanismen einer kranken Seele aussagte als hundert Fachbücher. Sein Gehirn hatte die blutige Realität jener Sommerstraße von vor 36 Jahren schlichtweg ausradiert. Die 72 Stiche, das Verbluten im gelben Sommerkleid – all das existierte in seiner Welt nicht mehr. Sein Verstand hatte sich eine eigene, erträgliche Wirklichkeit gebaut, in der Marlies noch lebte, friedlich in einem Opel Kadett an ihm vorbeifuhr und ihm freundlich zunickte. Es war der ultimative Beweis dafür, wie radikal die menschliche Psyche verdrängt, um unter der Last der eigenen Schuld nicht vollkommen zu zerbrechen.
Ich widersprach ihm nicht. Ich riss dieses zarte, schützende Gedankengebäude nicht ein. In der Forensik lernt man, wann Konfrontation heilt – und wann sie nur noch zerstören würde.
„Aber eigentlich wollte ich wissen: Welche Schuhgröße hast du?“, lenkte ich das Gespräch behutsam zurück.
„47, Thomas!“
„Oh, Egon – du lebst also auf großem Fuße!“
Dieses Detail verleiht dem Kapitel eine unglaubliche, tragische Tiefe und unterstreicht deine Haltung als Experte und Mensch perfekt: Du siehst das Krankheitsbild, die Verdrängung, aber du begegnest Egon ohne Zeigefinger und mit Würde.
In diesem Moment steht nicht der Täter von damals vor mir, sondern Egon, der Bäckergeselle aus Hamburg.
„Aber eigentlich wollte ich wissen: Welche Schuhgröße hast du?“, lenke ich das Gespräch zurück.
„47, Thomas!“
„Oh, Egon – du lebst also auf großem Fuße!“
Ich winke ihm zu und will den Flur hinuntergehen. Da ruft er mich zurück.
„Thomas... Thomas, warte bitte kurz!“
Ich drehe mich um. Egon steht im dämmrigen Licht. Er sieht grau aus. Sehr groß, aber gebeugt. Sein Bart ist stoppelig und grau – nicht gepflegt, aber sauber. Gelbe Nikotinflecken fehlen, denn Egon raucht nicht.
Er sieht mich an. In seinen Augen liegt eine tiefe, fast kindliche Unsicherheit. Es ist die Angst eines Mannes, der seit fast vier Jahrzehnten keine eigene Entscheidung mehr treffen durfte und fürchtet, dass selbst ein einfacher Wunsch nach einem roten Anzug in den Mühlen der Institution zerrieben wird.
Ich trete den Schritt zurück auf ihn zu, lege ihm ruhig die Hand auf die Schulter und sehe ihm fest in die Augen.
„Egon“, sage ich leise. „Sie werden passen. Größe 47 ist notiert. Der Anzug wird rot sein. Genau so, wie du es dir gewünscht hast. Ich gebe dir mein Wort.“
Ein ganz kurzes Zucken geht durch sein altes, graues Gesicht. Seine Schultern sacken ein Stück nach unten – als fiele eine jahrzehntealte Last für einen einzigen Wimpernschlag von ihm ab. Er nickt nur stumm, dreht sich langsam um und schlurfte in seinen abgewetzten Hausschuhen den Flur entlang zurück in sein Zimmer.
Kein weiteres Wort ist nötig.
In diesem kühlen, dämmrigen Flur ist es in diesem Augenblick völlig egal, was in den vergilbten Akten steht. Es ist egal, wie schrecklich das Leben damals aus den Fugen geraten ist. In diesem einen Moment zählt nur die begegnende Menschlichkeit – und das Versprechen, einem Vergessenen ein kleines Stück Würde zurückzugeben.
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